Social Media im Hörsaal

Mit Facebook in die Vorlesung

Anna K. BernzenLesedauer: 4 Minuten
Privat sind auch viele Professoren schon längst in der Welt des Web 2.0 unterwegs. Doch im Hörsaal der juristischen Fakultäten finden sich Facebook, Twitter und Co. eher auf den Bildschirmen der studentischen Laptops.  LTO sprach mit drei Jura-Professoren, die die Internet-Plattformen bereits für sich und ihre Studierenden einsetzen.

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Rund 200 Millionen Nutzer sind derzeit beim Kurznachrichten-Dienst Twitter angemeldet, im sozialen Netzwerk von Facebook tummeln sich etwa 600 Millionen Mitglieder und gut 700 Milliarden Mal klickten Nutzer im vergangenen Jahr Videos des Online-Portals Youtube an. Der letzte Artikel im Grundgesetz trägt die Nummer 146, im Strafgesetzbuch finden sich 358 Paragraphen und das Bürgerliche Gesetzbuch ist mit 2.385 Paragraphen am umfangreichsten. Ein rein zahlenmäßiger Kontrast oder passen die Rechtswissenschaften tatsächlich nicht in die Welt des Social Media?

Doch, sehr gut sogar, steht für André Niedostadek fest. Der Jurist lehrt Wirtschafts-, Arbeits- und Sozialrecht an der Hochschule Harz und hat vor zwei Monaten seinen Twitter-Account eröffnet. "Gerade für das Jura-Studium eignen sich die neuen Medien hervorragend. So können wir Juristen dokumentieren, dass unser Fach keine staubtrockene Sache ist", so Niedostadek über den Schritt in die Social Media. Auf seiner Twitter-Seite findet sich eine bunte Mischung aus Links zu aktuellen Urteilen, Studientipps und Informationen zu Veranstaltungen an der Hochschule. Die Auswahl folgt keinem festen Konzept, sondern entspricht dem persönlichen Interesse des Professors: "Ich möchte den Studierenden die Möglichkeit geben, aktiv zu studieren, sich Neues zu erschließen und einen Praxisbezug zu den Vorlesungsthemen herzustellen."

Für den Prof bei Twitter angemeldet

Dass dieser Gedanke aufgeht, bestätigen seine Studenten. "In den Vorlesungen ist nur wenig Zeit, um sich mit einem Thema auseinanderzusetzen. Daher nutze ich die Tweets, um mich auch außerhalb der Veranstaltungen zu informieren", sagt Alex Kuhlmann. Um sich parallel zur Vorlesung im Wirtschaftsrecht auf dem Laufenden zu halten, meldete der Student der Öffentlichen Verwaltung sich eigens bei Twitter an. Ginge es nach ihm, sollten sich mehr Professoren in den sozialen Netzwerken tummeln.
Dass sie dabei so fleißig sind wie Christian Wolf, kann aber wohl kein Student erwarten: Gleich fünf Facebook-Seiten betreut der Inhaber des Lehrstuhls für Bürgerliches und Zivilprozessrecht an der Universität Hannover. Jede von ihnen deckt ein Aufgabengebiet des Professors ab, vom Moot Court bis zum Institut für Prozess- und Anwaltsrecht. "Die primäre Idee dahinter war es, einen Einblick in meine Arbeit zu geben. Außerdem nutze ich Facebook, um auf Dinge aufmerksam zu machen, die auf meiner offiziellen Homepage zu flapsig herüberkämen", so Wolf. Da finden sich neben Hinweisen zur Klausurrückgabe also auch Fotos von der Lehrstuhl-Weihnachtsfeier.

Fälle lösen vor der Filmkamera

Sein Kollege Michael Hassemer ergänzt durch die sozialen Medien seine regulären Vorlesungen: An der Technischen Universität in Kaiserslautern lehrt er Zivil- und Wirtschaftsrecht sowie Geistiges Eigentum und lässt sich dabei filmen.
Einige der mitgeschnittenen Vorlesungen lud er spontan auf der Video-Plattform Youtube hoch. Mit großem Erfolg: Seine 173 Videos sind in den vergangenen zwei Jahren fast 400.000 Mal angeklickt worden, sein Kanal "ZWRKL" hat fast 600 Abonnenten. Über Kommentare wie "Super Vorlesung! Zum ersten Mal verstehe ich die Zusammenhänge." freut sich Hassemer: "Dieses Feedback ist ungeheuer befriedigend." Weitere Videos will er aber erstmal nicht anbieten: "Der Aufwand, die Filme zu schneiden, hochzuladen und mit den passenden Tags zu versehen, war groß." Doch der zeitliche Aufwand ist wohl nicht der Grund, warum André Niedostadek, Christian Wolf und Michael Hassemer immer noch Exoten unter den Jura-Professoren sind. "Facebook ist ein moderneres, ungewöhnliches Medium und Juristen sind von Haus aus eher konservativ", vermutet Wolf. Ein Youtube-Video sei auch nicht jedermanns Sache, gibt Hassemer zu: "Nicht jeder Professor ist bühnenaffin. Ich spiele in einer Band und habe kein Problem damit im Scheinwerferlicht zu stehen." Wer Social Media nutzt, um die juristische Lehre zu ergänzen, müsse intrinsisch motiviert sein, findet Niedostadek. "Man muss bereit sein, sich auf das Medium einzulassen, muss Neugier und Interesse mitbringen."

Schnell geklickt, noch schneller vergessen

Der Account, die Plattform, das Profil seien Versuchsballons gewesen, geben die Professoren zu. Versuchsballons, die bereits hoch gestiegen sind und noch höher hinaus könnten. Christian Wolf etwa überlegt, sich an seinen amerikanischen Kollegen zu orientieren. Die würden personenbezogenere Einträge schaffen und individuellere Inhalte hochladen. "So könnte ich meinen Studenten meinen universitären Alltag besser vermitteln und die Lehre transparenter gestalten", sagt er. Doch André Niedostadek warnt auch vor der größten Gefahr der verstärkten Internetpräsenz: Die Informationsflut, mit der die Studenten auf den verschiedenen Kanälen konfroniert würden. Urheberrechtliche Bedenken hat sein Kollege Michael Hassemer dagegen nicht: "Wo der Rechtsinhaber einverstanden ist, sind Open Content-Modelle gut geeignet." Ist der schnelle Klick aufs Facebook-Profil also die Zukunft der juristischen Lehre? Das lehnen die Professoren ab. "Ein Video kann niemals den Besuch der Vorlesung ersetzen", sagt Youtube-Nutzer Hassemer. Die Interaktion zwischen Professor und Student passiere eben nicht am Bildschirm. Auch Christian Wolf will Facebook nicht zu seiner primären Kommunikationsplattform ausbauen. Lernmaterialien und andere juristische Inhalte wird er weiterhin ausschließlich über die Lehrstuhl-Homepage anbieten. Die Vision von einem der Abonnenten auf Hassemers Youtube-Profil wird also in absehbarer Zeit nicht wahr werden: "Wenn alle Profs ihre Sachen online stellen würden, dann könnte ich Jura mit Chips vom Bett aus liegend studieren. Die Welt wäre eindeutig besser!" Mehr auf LTO.de: Juristenausbildung: Vier gewinnt nicht Bachelor-Studiengang "Good Governance": Jura, aber anders Referendariat bei der ARD: Wahlstation hinter der Kamera

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